Jugoslawien lebt

Heute mal wieder zum Dolmetschen in die Charité gerufen worden. Nette Oma, erzählt mir beim Kennenlernen, es sei gut, dass ich keine jugoslawische Dolmetscherin sei, die letzte, die man ihr geschickt hatte, war Jugoslawin, und Jugoslawen hätten ja ihre halbe Familie abgemetzelt und vergewaltigt. Ich schlucke und denke, nun gut, sie kommt aus Beli Manastir, einen Steinwurf von da, wo ich herkomme, aber eben aus Kroatien, sie wird an der Aussprache schon früh genung merken, wer ich bin. Da fragt sie mich glatt „und du, du kommst aus Zagreb, oder?“ Ich sage nein, keineswegs, Novi Sad, aber ich sei schon vor dem Krieg nach Deutschland gekommen. Da fängt sie an, sich diebisch zu freuen, ja ja, Novi Sad wird sich auch noch abspalten von diesem schrecklichen Jugoslawien, ganz bestimmt, schon bald. Ungefähr in dem Moment kam ein Weißkittel ins Zimmer und der medizinische Teil der Unterhaltung konnte beginnen. Später hörte ich dann, die (übrigens 67jährige) „jugoslawische“ Kollegin sei besonders dadurch aufgefallen, dass sie den Ärzten stundenlang ihre eigenen Probleme und die ihres Mannes dargelegt hat und immer doppelt so viel geredet hat wie die Patientin. Welche Sprache wir nun eigentlich geredet haben, überlasse ich der Phantasie der Ärzte.

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