Leipziger Buchmesse 2011 – Schwerpunktland Serbien

Schon merkwürdig, dieses Gefühl, nach einem verlängerten Wochenende aus dem Bunker herausgekommen zu sein und draußen scheint die Sonne. Ich frage mich jedes Mal, was Leute, die tagtäglich auf Messen, in Kaufhäusern oder anderen licht- und luftlosen Räumen arbeiten, für eine Psyche haben. Ich habe nach drei Tagen in einer Halle ohne Tageslicht schon einen Koller, obwohl ich teilweise stündlich rausgegangen bin, nicht nur zum rauchen.

Wie war es denn jetzt so auf der Buchmesse?

Vorab noch eine private Anekdote – ich war drei Tage vor der Buchmesse kurz davor, einen Anrufbeantworter zu schalten mit dem Text „Ja, liebe Freunde und Verwandte, ich weiß, dass Serbien das diesjährige Gastland ist. Und zwar ungefähr seit etwas über einem Jahr, wenn nicht sogar seit anderthalb. Falls ihr mir darüberhinaus noch etwas mitzuteilen habt, sprecht bitte nach dem Signalton“. Ahnungslose Anrufer, und sie waren enorm zahlreich (einige haben auch gemailt, gesmst oder es mir freudestrahlend in der Kneipe mitgeteilt) hatten es nämlich aus der Tagespresse erfahren und meinten, mich mit dieser Nachricht überraschen zu können. Trotz meiner Genervtheit über diese Häufung von wohlmeinenden Mitteilungen war ich natürlich auch ein bisschen stolz, dass es sich offensichtlich wirklich rumgesprochen hatte mit den Serben. Den bösen Serben.

Mein Tag 1 – Freitag
So bösen, dass selbst der ahnungsloseste sächsische Tütensammler (ihr wisst schon…) wohl noch fassungslos vor den Srebrenica-Plakaten gestanden haben muss, mit denen die komplette, ich betone, komplette Messe zugekleistert war und auf denen so böse Worte wie Genozid zu lesen waren. Noch bevor ich die Halle 4 mit dem serbischen Stand, die ich zielsicher mit Tunnelblick angesteuert hatte, überhaupt betreten hatte, kam dieses mulmige Gefühl – mein Gott, hier wird doch jetzt nicht etwa auf allen Kanälen über Krieg geredet!?! In der Tat wurde sehr viel über Krieg geredet, und man hatte oft den Eindruck, dass die deutschen Diskutanten bei Lesungen diejenigen waren, die selbst beim naivsten literarischen Thema noch irgendeinen Konflikt heraufbeschwören und alte Kriegsbeile ausgraben wollten. Man hätte sich stellenweise echt so ein Öööööx gewünscht, wie es in amerikanischen zensierten Filmen beim f-Wort erscheint, das bei Schlagwörtern wie Kosovo, Mladić, Massaker, Bosnienkrieg ertönt … [Anm.d. B.-in: ich freue mich schon auf die Google-Suchanfragen]. Was es mit den Srebrenica-Plakaten auf sich hatte, werden wir allerdings erst an meinem Tag 3 (Sonntag) erfahren. Am Freitag wurde am Südosteuropa-Stand unter anderem auch das noch druckwarme blau-gelbe Buch aus meinem letzten Eintrag erstmalig vorgestellt. Vier der Autoren waren persönlich zugegen und haben gelesen, der Herausgeber D. Dedović hat moderiert, und bis auf ein paar eher peinliche Einlassungen von Stargast Melinda Nadj Abonji, die noch nicht mal den Vornamen Dejan aussprechen konnte und ansonsten nur hysterische unmotivierte Lobesplatitüden versprüht hat, war die Veranstaltung auch sehr gelungen.
( Foto © Lena )

Das Buch ist wirklich eine wunderbar üppige Auswahl jüngster serbischer Gegenwartspoesie, die Hälfte der Autoren sind jünger als 40 (was besonders im Kontext einer anderen Veranstaltung auffiel, in der die arrivierten serbischen Dichter anwesend waren, die allesamt aussehen wie ein unrasierter Gerard Depardieu, nur noch ein bisschen dicker und älter). Der Herausgeber, Dragoslav Dedović, war auch der designierte Koordinator des serbischen Auftritts, hatte aber aus Gründen das Handtuch geworden (die des Serbischen mächtigen Leser können das auch ausführlicher hier und in diversen anderen Artikeln bei knjizevnost.org nachlesen). Meine Würdigung der Anthologie enthält, das möchte ich hier noch mal betonen (ganz ungeachtet der Tatsache, dass ich daran auch ein klitzekleines bisschen mitgewirkt habe) ein uneingeschränktes Lob an Dragoslav, was ich persönlich anlässlich des oben eingefügten Fotos ausgesprochen habe und auch hier noch einmal schwarz auf weiß wiederhole, sowie den Kauf- und Lesebefehl an alle Serbischlernenden und Literaturinteressierten.
Ansonsten wurde am ersten Tag – ich betone hier noch mal mit allem Nachdruck, dass das hier mein ganz subjektiver Eindruck und keineswegs irgendein objektiver Report sein soll – auch viel gelacht, getrunken und vor allem natürlich gelesen, vorgelesen, nachgelesen und gedolmetscht. Bis tief in die Nacht hinein ging schon die erste von zwei Abendveranstaltungen im zauberhaften UT Connewitz, wo ich irgendwann kurz vor 1 dachte – meine Güte, diese Scharen von alternativen bunthaarigen Studenten und sonstigen kultigen Einheimischen, die immer noch wie gebannt mucksmäuschenstill auf die Bühne starren, obwohl da schon seit gefühlten vier Stunden dreisprachig albanisch/serbisch/deutsch rezitiert und diskutiert wird, da kann man doch irgendwann nicht mehr folgen. Konnte man aber offensichtlich, weil man ja nicht den ganzen Tag auf der Messe verbracht hatte und das Ur-Krostitzer auch besser schmeckt als schlechter Messe-Catering-Wein. An dieser Stelle muss ich auch meinen Hut vor Alida Bremer ziehen, die vom frühen Morgen bis spät in die Nacht ununterbrochen gedolmetscht hat, ich habe keine Ahnung, woher sie diese übermenschlichten Kräfte schöpft, ich wäre wahrscheinlich nach einer ihrer Veranstaltungen schon taumelnd in einem Messeklo zusammengebrochen. Ich bin dann noch in einer Raucherkneipe (schon für den alleinigen Hinweis, dass es eine ebensolche direkt um die Ecke gibt, haben mich die vor der Tür des UT rauchenden serbischen Landsleute quasi im Eilverfahren heiliggesprochen) wunderbar mit Miloš Živanović und noch einer ganzen Horde Westbalkaner abgestürzt. Miloš ist übrigens nicht nur Autor zauberhafter Gedichte, sondern auch Co-Herausgeber der Zeitschrift BETON. Das Einverständnis des Autors und Herausgebers antizipierend, verabschiede ich mich heute mit einem Gedicht von ihm, das mehr sagt als tausend kritische Sätze:

im herzen

Im Herzen bin ich low-life
und ich mag weißes Fleisch, im Herzen bin ich schwarz
ich bin Albaner, Moslem, Zigeuner
ich bin Bernard Shaw:
im Herzen trage ich ein schöneres Geheimnis und draußen
erwartet mich die Nacht,
im Herzen bin ich Araber, Latino
im Herzen bin ich ein junger Amerikaner
im Herzen bin ich Prophet, Römer, Byzantiner
ich bin ein Jude mit Zöpfchen, ich bin Saubermann und
Palästinenser
ich bin der homosexuelle Vater aller Patriarchen, ich bin
des Papstes Luzifer
und sauge ihm seine zerbrechliche Gesundheit aus, ich bin
überflüssig
im Herzen bin ich ein Schwanz auf einem Fahrrad, ich bin
Staub
ich bin mean motherfatherfucker, Tempel sind eine
Kanalisation
ich der Strom der Unzufriedenen, ich bin das Tosen der
bläulichen Leichen
in der Kanalisation treiben Elend und Schrecken, ich bin
der Abschaum der Eroberer
ich bin die Belagerung, der Stamm, ich bin das Massaker.
Nur der Wind füllt meine Taschen
ihn sammle und bewahre ich in den Kammern
im Herzen eine Bank.
Du, Daimon, deine Hände sind Wolken über der Festung,
ich pisse in die Save und sehe zu, wie die Donau ansteigt.
Im Herzen bin ich der nebelhafte Geist aus dem Gully,
und du, you remind me of my favorite song.

(Deutsche Übersetzung von Dragoslav Dedović/Dagmar Vohburger, © Drava Verlag 2011)

Und für meine lernenden Leser hier noch das Original:

u srcu

U srcu ja sam low-life
i volim belo meso, u srcu ja sam crn
ja sam šiptar, ja sam musliman, ja sam cigan
ja sam Bernard Šo:
u srcu nosim jednu lepšu tajnu i napolju me čeka noć,
u srcu ja sam arapin, ja sam hispano
u srcu ja sam mladi amerikanac
u srcu ja sam prorok, ja sam latin, ja sam bizantin
ja sam židov sa kikicama, ja sam čistunac i palestinac
ja sam homoseksualni otac svih patrijarha, ja sam papin
lucifer
i sisam mu krhko zdravlje, ja sam suvišan
u srcu ja sam kurac na biciklu, ja sam prašina
ja sam mean motherfatherfucker, hramovi su kanalizacija
ja sam reka nezadovoljnih, ja sam huk modrih leševa
kanalizacijom plutaju beda i strava, ja sam šljam osvajača
ja sam opsada, ja sam pleme, ja sam masakr.
Samo mi vetar puni džepove
ja ga sakupljam i čuvam u komorama
u srcu banka.
Daimone, tvoje ruke su oblaci nad tvrđavom,
ja pišam u Savu i gledam kako Dunav raste.
U srcu ja sam magličasti duh iz šahta,
a ti, you remind me of my favorite song.

So, kleine Verschnaufpause, später oder spätestens morgen geht es hier weiter mit dem Bericht.


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