Weihnachtsengel Roma-Oma

Als beeidigte Dolmetscherin werde ich nicht nur zur Kripo und zum Gericht gerufen, sondern auch in Krankenhäuser. Das ist in der Regel nicht schön, denn es geht meistens um die Wurst, sprich: Entscheidungen wie lebenserhaltende Maßnahmen, Krebsdiagnosen usw., also Dinge, bei denen dem Patienten etwas unzweideutig klargemacht werden muss.

Neulich wurde ich in einer Angelegenheit gleich mehrfach gerufen, einfach weil die betreffende total schnucklige, runzlige und zahnlose alte Dame sich standhaft weigerte, irgendeinen Weißkittel an sich ranzulassen, sollte ich – die sie beim Aufklärungsgespräch kennen gelernt hatte – nicht dabei sein. Sie hatte laut Aussage der Ärztin, die versucht hat, sie zu bronchoskopieren, die ganze Station zusammengeschrien. Ich hab dann beim zweiten Versuch Händchen gehalten, und sie hat keinen Mucks gemacht (mir allerdings wurde ganz anders, als ich das Ganze in Überlebensgröße auf dem Bildschirm betrachtete, aber da fragt ja keiner nach). Freundlicherweise hat man mich dann noch zu ihrer Entlassung bestellt, da sie wirklich kein Wort Deutsch kann und irgendwie auch keine verwendbaren Angehörigen zu haben scheint. Da hab ich dann noch ein bisschen mit ihr auf dem Flur geplaudert – sie saß schon auf gepackten Taschen – und sie richtig ins Herz geschlossen. Das war am Tag vor Heiligabend. Was der Geburtstag meiner leiblichen Oma gewesen wäre, so sie noch gelebt hätte. Vielleicht war ich deshalb so anfällig für sentimentale Oma-Gefühle. In dem ganzen Weihnachtstrubel war mir gar nicht aufgegangen, dass dieser Dreifach-Einsatz ja auch durchaus finanziell nicht zu verachten ist, ein kleines Sahnebonbon zum Christstollen.

Gestern traf ich sie zufällig hier in Moabit auf der Straße, mit Kopftuch, gebeugten Hauptes schwere Einkaufstüten tragend. Fast fiel ich ihr spontan um den Hals (na ja, von der Größe her hätte ich sie eher an meinen Bauch gedrückt) und sie überhäufte mich mit Segensgebeten und guten Wünschen bis in alle Ewigkeiten (was in jenem Kulturkreis durchaus einen ganz anderen Stellenwert hat). Sie war sichtlich happy und rotbäckig, verglichen mit dem Häufchen Elend, das ich vierzehn Tage vorher im Krankenbett vorgefunden hatte, und wollte tatsächlich MIR allein dafür danken, dass sie dem Übel der deutschen pneumatologischen Onkologie, in dessen Fänge sie vollkommen irrtümlich geraten war, in kerngesundem Zustand entkommen ist.

Jedenfalls hatte ich eine kleine Freudenträne im Auge, als wir uns verabschiedeten. Es war der Tag vor Heiligabend nach dem julianischen Kalender. Meine neue Oma ist eine Roma. Möge Gott ihr noch lange gesunde krankenhausfreie Jahre gewähren.

Frohe Weihnachten allen Altkalendariern!

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