Ein Stock, viele Bücher

Zu einem formvollendeten Blog gehört natürlich das obligatorische Stöckchen. Seit Wochen lese ich mit großer Begeisterung bei isabo, Anke und anderen mit, jetzt fange ich auch mal damit an. Um es gleich vorwegzunehmen: ich lese natürlich nicht nur Südosteuropa-Literatur. Englischsprachige Bücher lese ich gerne im Original, was natürlich nicht heißen soll, dass ich die Übersetzungen und deren Schöpfer nicht würdige, ganz im Gegenteil. Mittlerweile übersetze ich auch selbst ab und zu Literatur, worüber ich auch gerne berichten werde. Doch nun genung der einleitenden Worte, hier also der Tag 1.

Tag 1 – Das Buch, das du zurzeit liest

Melinda Nadj Abonji – Tauben fliegen auf. Jung und Jung, 2010

Ich war völlig von den Socken, als ich hörte, dass eine Frau aus der Vojvodina den Buchpreis bekommen hat. Ich meine, Bečej ist nur einen Steinwurf von Novi Sad, der Stadt meiner Jugend, entfernt, Leute aus Bečej gingen mit mir aufs Gymnasium. Also sofort bestellt, ohne auch nur eine Rezension, Auszug, Klappentext oder so gelesen zu haben. Es kam dann auch erfreulicherweise vor dem durch Amazon angekündigten Termin.

Nun bin ich zu gut drei Viertel durch und etwas ratlos, zunächst einmal diese seitenlangen Sätze mit der eigenwilligen Interpunktion, es sind zum Glück keine wirklich schweren Nebensatzkonstruktionen mit Verb ganz am anderen Ende, sondern eher impressionistische Aneinanderreihungen des Erlebten, ohne klare Zeitachse, womit ich eigentlich gar kein Problem habe, vieles kommt mir auch sehr bekannt vor, die Großfamilie in Serbien, das viele und leckere Essen, Traubisoda* (hach!), und dann als Kontrast dazu das Leben in der latent xenophobischen Schweiz, plötzlich ist dann auch Krieg in Jugoslawien, und die Protagonistin ist doch wie ihre Autorin eigentlich ethnische Ungarin, was zum Teufel hat die denn eigentlich mit den Serben zu tun, die Vojvodina war doch immer so schön multiethnisch [Komma] (merkt ihr was?) es gibt Teenagerprobleme und Liebe und so wunderbare Migranten-Wortschöpfungen wie Flüchter und eigentlich glaube ich, dass die Mehrheit der deutschsprachigen Leser auch ganz fasziniert sein wird von dieser Collage, aber ich gucke dann irgendwie doch immer wo der Satz jetzt zu Ende ist. Und jetzt bin ich fast durch mit dem Buch und könnte noch nicht mal sagen, worum es eigentlich geht, außer um eine vollkommen durchschnittliche Gastarbeiterfamilie. Und kommt mir jetzt nicht mit Quotenmigranten. Die Frau ist eben binational, na und? Ich auch.

Dennoch kann ich das Buch empfehlen, schon weil es so wunderbar anders ist als alles, was hierzulande in den letzten Jahren auf dem Markt war. Und weil dieser zauberhafte Landstrich einfach mehr Beachtung verdient als immer nur „der Norden Serbiens“ genannt zu werden.

Ein paar formale Anmerkungen habe ich auch noch: Ich möchte verdammt noch mal in einem deutschen Buch nicht „realisieren“ i.S.v. englisch realize lesen, und wenn das mittlerweile noch so tolerabel ist, dann bin ich eben intolerant. Und wer auch immer für die Onomastik und Toponymie in der Autorenbiographie zuständig war – einen Ort Becsej gibt es nicht, das ist bestenfalls die ungarische Transliteration des serbischen Ortsnamens. Auf serbisch heißt es Bečej und auf ungarisch Óbecse. Und wenn Madame Nagy Abonyi schon Wert darauf legt, Ungarin und keine Serbin zu sein, sollte sie ihren Namen auch nicht in der serbischen Transliteration schreiben. Mit den Ypsilons sieht es nämlich gleich viel edler aus.

Genug gemeckert für heute.

*für Nichteingeweihte: Das war das jugoslawische Pendant zu Almdudler, eine leckere Kräuterlimonade

Hier noch das komplette Bücherstöckchen, mal schauen, ob ich es schaffe, das durchzuarbeiten:

Tag 1 – Das Buch, das du zurzeit liest
Tag 2 – Das Buch, das du als nächstes lesen willst
Tag 3 – Dein Lieblingsbuch
Tag 4 – Dein Hassbuch
Tag 5 – Ein Buch, das du immer und immer wieder lesen könntest
Tag 6 – Ein Buch, das du nur einmal lesen kannst (egal, ob du es hasst oder nicht)
Tag 7 – Ein Buch, das dich an jemanden erinnert
Tag 8 – Ein Buch, das dich an einen Ort erinnert
Tag 9 – Das erste Buch, das du je gelesen hast
Tag 10 – Ein Buch von deinem Lieblingsautor
Tag 11 – Ein Buch, das du mal geliebt hast, aber jetzt hasst
Tag 12 – Ein Buch, das du von jemandem empfohlen bekommen hast
Tag 13 – Ein Buch, bei dem du nur lachen kannst
Tag 14 – Ein Buch aus deiner Kindheit
Tag 15 – Das 4. Buch in deinem Regal v.l.
Tag 16 – Das 9. Buch in deinem Regal v.r.
Tag 17 – Augen zu und irgendein Buch aus dem Regal nehmen
Tag 18 – Das Buch mit dem schönsten Cover, das du besitzt
Tag 19 – Ein Buch, das du schon immer lesen wolltest
Tag 20 – Das beste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
Tag 21 – Das blödeste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
Tag 22 – Das Buch in deinem Regal, das die meisten Seiten hat
Tag 23 – Das Buch in deinem Regal, das die wenigsten Seiten hat
Tag 24 – Ein Buch, von dem niemand gedacht hätte, dass du es gelesen hast
Tag 25 – Ein Buch, bei dem die Hauptperson dich ziemlich gut beschreibt
Tag 26 – Ein Buch, aus dem du deinen Kindern vorlesen würdest
Tag 27 – Ein Buch, dessen Hauptperson dein „Ideal“ ist
Tag 28 – Zum Glück wurde dieses Buch verfilmt!
Tag 29 – Warum zur Hölle wurde dieses Buch verfilmt?
Tag 30 – Warum zur Hölle wurde dieses Buch noch nicht verfilmt?
Tag 31 – Das Buch, das du am häufigsten verschenkt hast

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5 Antworten zu Ein Stock, viele Bücher

  1. katerwolf schreibt:

    das ist ein total nettes stöckchen, gute idee! als große leseratte würde ich es gerne aufgreifen, düse am freitag aber für GANZ lange in urlaub 😉

    würde mich freuen, wenn du mich am 1. dezember mal damit bewirfst, ich greife es gerne auf und bin dann auch wieder da.

    liebe grüße, katerwolf

  2. Neda schreibt:

    Tolles Stöckchen! Erwarte mit Spannung die nächsten Tage 🙂

  3. Kat schreibt:

    Ui schön 🙂 Willkommen in der bloggenden Literaturwelt.

  4. isabo schreibt:

    Ich habe nicht den Schimmer einer Ahnung, wie sowas läuft, aber kann es nicht sein, dass Madame Nadj Abonjis Eltern vielleicht ungarischer Abstammung, aber serbischer Staatsangehörigkeit waren, bzw. jugoslawischer, als sie ausreisten, und deswegen bei der Einreise (oder Einwanderung?) in die Schweiz die serbische Transliteration benutzt wurde, und die Familie deswegen nun mal so heißt, wie sie jetzt geschrieben wird? Soweit ich weiß, kostet es ernsthaft Geld, auch nur einen Buchstaben seines Namens ändern zu lassen.

    Das mit dem Realisieren klingt sehr schrecklich, was für ein furchtbares Wort, fast noch furchtbarer als „Idee“ statt „Vorstellung“ (as in: Ich habe keine Idee, was er meint), grauenhaft, eigentlich wollte ich das Buch gern lesen, aber.

    • veselinovic schreibt:

      Ja, genau so war es bestimmt, eigentlich müsste es dann sogar Nađ Abonji heißen (aber das Sonderzeichen hatten die Schweizer ja nicht), kyrillisch sogar noch ein Buchstabe gespart, Нађ Абоњи. Unsere Ungarn in der Schule wurden auch alle Nađ und Kiš geschrieben (das heißt übrigens übersetzt ‚groß‘ und ‚klein‘, wohl die zwei häufigsten ungarischen Familiennamen).
      Ich hatte ihr, bzw. ihrem Lektor, das erste Realisieren als Flüchtigkeitsfehler verziehen, aber dann tauchte ein zweites auf und ich war echt sauer. Was dich aber nicht davon abhalten sollte, das Buch zu lesen, ich war vielleicht etwas hart mit dem Urteil, kann sein, dass du es ganz toll findest.

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