Arbeitsplatzbeschreibung

Unter einem Übersetzer kann sich fast jeder etwas vorstellen. Dass das Deutsche zwischen Dolmetschern (mündlich) und Übersetzern (schriftlich) unterscheidet, wissen auch die meisten. Seit meiner Beeidigung im November 2007 bin ich also Gerichtsdolmetscherin und darf Urkunden beglaubigen. Überschaubare Angelegenheit, denkste. Allerdings impliziert ein Großteil meiner Tätigkeit auch eine Mischung aus Sozialarbeit und Jura (NB ich habe nichts davon studiert noch mich jemals dafür interessiert). Das fängt beim Dolmetschen schon damit an, dass ich grundsätzlich für unterprivilegierte Migranten (=arme Säue) tätig bin. Und mich natürlich zwangsläufig als Sprachrohr derselbigen auch irgendwo immer für sie einsetze, selbst wenn sie Taschendiebe oder Frauenverprügler sind.

Bei den schriftlichen Urkunden sieht es nicht viel anders aus. Meine Königskunden sind die, die mir ein gescanntes Dokument zuschicken, welches ich dann ausdrucke, übersetze, beglaubige und samt Rechnung an eine vorher genannte Postanschrift schicke. Die Realität sieht leider allzu oft anders aus. Das fängt schon damit an, dass der gemeine Balkaner gerne erst mal auf ein Tässchen Kaffee vorbeikommt, bevor er Geschäfte macht. Auch traut er weder Post noch Bank noch Copy Shop, er kommt gerne selber vorbei und zieht dann mit zittrigen Fingern ein vergilbtes, achtmal gefaltetes Dokument aus der Lederjacken-Innentasche, welches ich nicht selten erst einmal mit Farbverstärkung kopieren muss, um darauf überhaupt etwas erkennen zu können.

Man kommt mit den kuriosesten Dingen in Berührung – Geburtsurkunden, auf denen eine völlig andere Mutter auftaucht als diejenige, die sich als Mutter ausgibt, Namensänderungen, bei denen Frauen mit schönen alten serbischen Vor- und Nachnamen plötzlich wie eine Schlagersängerin heißen wollen, Vaterschaftsanerkennungen, die angeblich am selben Tag noch benötigt, aber nie abgeholt werden… die Liste ist lang.

Natürlich kann ich hier aus Verschwiegenheits- und Datenschutzgründen keine Details veröffentlichen, das ist auch gar nicht mein Anliegen. Dennoch möchte ich die Leserschaft an manchen interessanten Geschichten teilhaben lassen.

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